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Geschichte neu erleben - 30 Jahre Écomusée d’Alsace bei Ungersheim (F)

Ein Dorf erinnert sich – dieses Motto steht für das Freilichtmuseum „Ecomusée“ bei Ungersheim. Fachwerkhäuser aus sechs Jahrhunderten und verschiedenen Regionen des Elsass sind hier zu einer Szenerie verbunden, die Geschichte lebendig werden lässt und für die Besucher auf einmalige Weise erlebbar macht. Was in den 1970er-Jahren von wenigen Engagierten auf einem Platz mitten im Niemandsland begonnen wurde, präsentiert sich heute auf mehr als dreißig Hektar als bauhistorisch einzigartiger Komplex. An die fünfzig professionelle Mitarbeiter und Hunderte von freiwilligen Helfern sorgen für den Erhalt und den Ausbau des Museumsdorfes. Und dafür, dass die Besucher nicht nur auf eine spannende historische Erlebnistour gehen können, sondern sich auch rund herum wohlfühlen.

Seit der offiziellen Eröffnung des Ecomusée im Juni 1984 sind dreißig Jahre vergangen. Die Institution darf zurückblicken auf eine zukunftsweisende Erfolgsgeschichte. Auf dem so genannten Zimmermannsplatz nimmt alles seinen Anfang. Eine Gruppe junger Mitglieder des Vereins „Bauernhäuser im Elsass“ will nicht länger hinnehmen, dass die schönen alten Fachwerkhäuser, die überallabgerissen werden, um modernen Neubauten zu weichen, auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Ihre Idee: Historische Bauernhäuser, denen die Abrissbirne droht, sorgfältig abzubauen, damit sie an einem neuen Ort wieder aufgebaut werden können. Gesagt, getan. Der Bürgermeister von Ungersheim wird für das Projekt gewonnen und stellt zehn Hektar auf dem Gelände einer ehemaligen Pottasche-Grube zur Verfügung. Land und Region unterstützen das Vorhaben finanziell. So kann das Freilichtmuseum langsam Gestalt annehmen. Bald finden die ersten historischen Fachwerkhäuser im Ecomusée ihre neue Heimat.

ecomusee_zimmermannsplatz
Viele der Tradition verbundene Elsässer stellen mittels Schenkungen Mobiliar, Gebrauchsgegenstände sowie landwirtschaftliches und handwerkliches Gerät zur Verfügung. Damit ist es den Organisatoren möglich, Häuser auch mit der originalen Innenausstattung ihrer Zeit einzurichten. Handwerksbetriebe wie Schmied, Töpfer, Schuhmacher, Stellmacher, Barbier, Schlachter und Bäcker ziehen ein und ermöglichen den Besuchern Einblicke in die traditionelle Arbeitsweise. Natürlich dürfen auch die Gastwirte nicht fehlen. Zwei Wirtshäuser bieten Speis und Trank, die Boulangerie macht Flammkuchen nach Traditionsart, und neuerdings gibt es auch eine „Wiinstub“, die vorläufig allerdings nur sonntags geöffnet hat. So erfüllt das Ecomusée eine dreifache Aufgabe: den Erhalt, die Nutzung und die Ehrung des Museumsgutes.

So ein altes Haus wieder aufzubauen erfordert Fachwissen und technisches Geschick. Vor allem Architekten und Zimmerleute sind bei der Holzbauweise gefragt. Noch bevor das erste Haus des Ecomusée wieder errichtet werden kann, wird ein sogenannter „Riss-Boden“ angelegt. „Risse“ bedeutet Skizzieren. Jedes Haus benötigt eine solche schematische Darstellung, damit es original wieder „auferstehen“ kann. Der Riss-Boden ist heute als besondere Attraktion auf dem Zimmermannsplatz aufgestellt.

Das nach und nach entstehende Dorf besteht aus Bauwerken aus verschiedenen Regionen des Elsass. Das älteste, das auf das 15. Jahrhundert datiert, kommt sogar aus dem deutschen Weinort Mauchen (Südbaden). Jedes Haus ist nach seinem Herkunftsort benannt. Prinzipiell gehören zu einem elsässischen Bauernhaus Fachwerk, ein Satteldach mit steiler Neigung und ein zur Straße hin gerichteter Spitzgiebel. Da die Fachwerkbauweise in den verschiedenen Regionen und Epochen variiert, ist das Ecomusée auch ein pittoreskes Konglomerat von Zeitzeugnissen. Manchmal sieht man den Häusern an, ob die Bewohner reich oder arm waren. Die Fischerkate oder das Häusle des armen Arbeiters nehmen sich neben dem Wohnsitz des wohlhabenden Winzers bescheiden aus. Aber ob reich oder arm – jedes Haus ist ein Beweis für das Geschick einer leider fast vergessenen Baukunst.

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Der Besucher merkt rasch, dass alle Häuser einen besonderen Charakter besitzen und so zum einzigartigen Flair der Gesamtanlage beitragen. Als lebendiges Museum stellt das Ecomusée ein elsässisches Dorf aus den 1920er-Jahren dar mit seinen Bewohnern, seinen Handwerkern, seinem landwirtschaftlichen Erbe und seinem traditionellen Kunsthandwerk. Von den insgesamt siebzig wieder aufgebauten Häusern wollen wir hier einige kurz herausheben. Ein Glanzlicht ist sicher das befestigte Haus von Mulhouse, das mit seinem mittelalterlichen Ambiente fasziniert. Die Ursprünge dieses Bauwerks gehen auf das 12. oder 13. Jahrhundert zurück. Ein Mittelaltergarten mit Kräutern und ein Renaissancegarten im italienischen Stil schließen sich dem turmartigen Bau an. Der Hof von Schlierbach stammt aus dem Jahr 1529. Nur wenige Gehöfte aus dieser politisch kritischen Epoche mit ihren Religions- und Bauernkriegen, Pestepidemien und Hungersnöten haben überdauert. Auf das 17. Jahrhundert datieren die Häuser von Gommersdorf und Hagenbach. Sie entstehen in der Zeit des großen Baufiebers, welches auf die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges folgt. Der Sonnenkönig selbst erlaubt den Besitzern, zum Wiederaufbau ihrer Häuser so viel Holz zu schlagen wie benötigt wird – ein echtes Privileg. Das Haus von Blodelsheim stammt aus dem 18. Jahrhundert und weist typisch französische Bauelemente auf, wie z. B. das Mansardendach. Zu der Zeit herrschen Frieden und Wohlstand. Das Gebäude wirkt repräsentativ und man vermutet, dass es ein ehemaliges Gasthaus ist, gelegen an der „Königsstraße“ von Basel nach Straßburg. Die Scheune von Westhouse zeigt die Initialen ihrer Besitzer und das Baujahr 1801 an. Ein kaum angedeutetes Fachwerk weist das Arbeiterhaus von Monswiller auf; es stellt ein wichtiges Zeitzeugnis für die Wohnviertel der Arbeiter dar, deren Gründervater Jean Dolfuß um 1867 fast achthundert solcher Arbeiterhäuser errichten lässt.

Zwei herausragende Handwerksbetriebe müssen erwähnt werden: In der Töpferwerkstatt im Haus von Soufflenheim wird den Besuchern die hohe Kunst des Töpferns vorgeführt. Und natürlich kommt die Familie, die hier ihrer Arbeit nachgeht, aus dem traditionellen Töpferdorf. Die Schmiede des Bauernhofs in Illkirch aus dem Baujahr 1801 ist ein Herzstück des Dorfes. Schmiede gelten in alter Zeit als Magier. Ihr geschickter Umgang mit dem Feuer prädestiniert sie dafür. Die Einrichtung der Schmiede stammt aus der ehemaligen Schmiedewerkstatt Huggenberger/Montreux.

Weitere Sehenswürdigkeiten sind der Hof aus Kochersberg, das Winzerhaus aus Wettolsheim und das Gärtnerhaus aus Ribeauville. Sie repräsentieren typische Baustile des Weinbaugebiets und der Region Kochersberg. Nicht zu vergessen das Fischerhaus aus Artolsheim. Die Fischerei ist am Rhein stets ein wichtiger Einkommenszweig und darf im Ecomusée nicht fehlen.

Man könnte ganze Tage im Ecomusee verbringen ohne einen Hauch von Langeweile zu verspüren. Die Betreiber haben ein Herz für Kinder und so gibt es auch kind- und jugendgerechte Präsentationen, die viel Spaß bereiten. Besonders familienfreundlich sind die überall vorhandenen Tische und Bänke, die zum Picknickmachen einladen.

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Ein anderes wichtiges Thema sind die Tiere: Esel und Ochsen, Pferde und Schweine, Geißen und alle Arten von Geflügel bevölkern die Höfe und ihre Weiden. Und natürlich die Störche! Vierunddreißig Storchennester mit etwa hundert Störchen zeigen, dass auch Meister Adebar und seine Familie das Ecomusée lieben.

Im Jahr seines 30-jährigen Jubiläums gedenkt das Ecomusée nicht nur der Vergangenheit. Zwei neue Projekte beschäftigen das Museumsteam. Lernen aus der Vergangenheit für die Zukunft: Wie kann das Fachwerkhaus von gestern zum gesellschaftlichen und kulturellen Leben von heute und morgen beitragen? Im Juli soll ein fertiges Exemplar für ein neues Fachwerkhaus zu besichtigen sein. Ein ehrgeiziges und zukunftsträchtiges Projekt! Das zweite große Thema ist die Natur. Das Gelände des Ecomusée ist mit seinem dörflichen Charakter und seiner verwunschenen Naturidylle ein Paradies für Naturliebhaber. Bootsfahrten auf einem See, der zum Gelände gehört, inklusive. Aber das ist noch längst nicht alles!

Text: Bianca Flier

Mehr über das Ecomusée und das umfangreiche Programm finden Sie hier:

www.ecomusee-alsace.fr oder www.badenpage.de

Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. | Tel.: +33 (0)3 89 74 44 74
Dieser Beitrag sowie sämtliche Bilder wurden uns von unserem Medienpartner TS Verlag zur Verfügung gestellt. Die aktuelle Ausgabe des Monatsmagazins "Wohin im Markgräflerland", in dem auch dieser Artikel erschienen ist, können Sie als PDF online einsehen. Klicken Sie hierzu einfach auf das Logo oder klicken Sie hier.

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Donnerstag, den 01. Mai 2014 um 10:10 Uhr | Wohin im Markgräflerland

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